Warum du miese Gefühle zulassen solltest

Wer kennt es nicht: Momente, in denen man sich einfach nur mies fühlt. Warum das manchmal vollkommen ok ist und was du dagegen tun kannst, wenn es doch zu viel wird, das schauen wir uns mal an.

Du siehst deinen Ex urplötzlich – mit einem anderen Mädchen. Du hast ewig auf einen Studienplatz hingearbeitet – und im deinem Briefkasten landet eine Absage. Du merkst, dass deine Freundin sich von dir zurück zieht – nach jahrelanger Freundschaft. Wohl jeder muss durch solche Situationen. Gefühle wie Wut, Angst, Verzweiflung stellen sich ein.

Es ist nicht schön, sich mies zu fühlen. Besonders schlimm ist es, wenn du dich gleichzeitig verpflichtet fühlst, ein Lächeln aufzusetzen, um nicht negativ aufzufallen. Höchstwahrscheinlich wurdest du dazu erzogen oder in die Richtung geprägt, dass es richtig ist, immer positiv und happy zu sein. Doch das Leben ist nicht immer Katzenvideo. Ständig, rund um die Uhr glücklich zu sein, finde ich persönlich unmöglich. Leute, auf die das zutrifft, haben meiner Meinung nach eine Schraube locker. Denn ich habe das subtile Gefühl, dass sie etwas zu verbergen haben. Jeder Mensch hat gute und schlechte Tage, das ist ganz normal. Schlechte Tage hinter einer gute-Laune-Fassade zu verstecken ist zwar nett, also den Mitmenschen gegenüber, aber irgendwie auch fake, oder?

Meiner Ansicht nach, kann das Zulassen von beschissenen Gefühlen auch positive Effekte haben.

Ich selbst kann das behaupten, da ich mich als Expertin im Beschissenfühlen bezeichne. Im letzten Jahr gab es einen tragischen Todesfall in meiner Familie. Ein lieber Mensch ist gestorben – das schlimmste, das man sich vorstellen kann, ist eingetreten. Ohne hier viele Worte darüber zu verlieren, was Trauer mit einem machen kann, nur so viel: ich habe mich so bodenlos beschissen und verloren gefühlt, dass ich fast bekloppt geworden bin vor Traurigkeit.

Nach einem Jahr bin ich wieder ziemlich im Gleichgewicht. Nicht nur weil die gute alte Zeit Wunden heilt, sondern auch, weil ich eines erkannt habe: es ist wichtig, auch die negativen Gefühle zuzulassen. Denn wenn die sich anstauen, kann das ziemlich heftige Folgen haben.

Warum es ok ist, sich auch mal scheiße zu fühlen
Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich respektiere zutiefst die Leute, die schwierige Situationen meistern. Die mit Charakterstärke aus den heftigen Tiefen des Lebens wieder aufsteigen. Die nach der schmerzvollen Trennung nach Gründen suchen oder sich nach dem gescheiterten Studium erfolgreich einem anderen, geeigneteren Weg zuwenden.

Schmerz ist scheiße, kann aber auch ein Motor sein: sicher fallen dir aus dem Deutschunterricht eine Menge literarischer Beispiele dafür ein. Kafkas „Verwandlung“ ist sicher nicht aus einem Gefühl der allgemeinen Zufriedenheit mit der Welt entstanden. Ebenso Lessings „Nathan der Weise“, „Emilia Galotti“ und Schillers „Die Räuber“. Das gleiche gilt für Musik, Kunst und so weiter.
Dagegen die Anzahlt hochwertiger kultureller Erzeugnisse, die aus vorgetäuschter guter Laune von Verdrängungskünstlern erschaffen wurden? Null.

Ok, das sich-mies-fühlen hat für manche eine anregende Wirkung. Aber ich hab keine Lust mehr drauf, also was kann ich tun?
Wenn es mir schlecht geht, muss ich das kurz durchmachen. Auf Toilette gehen und heulen. Kurz die Beschissenheit des Lebens zulassen. Diese Aussetzer sind in dem Moment wichtig. Als Ventil. Sonst staut sich das Gefühl bloß auf. Also raus damit!
Von außen betrachtet, macht es nämlich Sinn: es ist etwas furchtbares passiert, also ist man traurig.

Manchmal kann man an der Trennung, dem Kummer, den Ängsten, gar nichts ändern. Sie sind einfach da. Das Ding da in einem drin, das so furchtbar von innen piekst, bekommt man nämlich sonst kaum weg: einfühlen in einen selbst und zu akzeptieren, dass es nicht nur Glitzer-Gefühle und Zauber-Emotionen gibt. Nein, da ist ein riesiges Spektrum an unterschiedlichen Empfindungen und durch die negativen muss wohl jeder mal durch.

Vielleicht kennst du die Stelle bei den Gilmore Girls, in der Lorelei Rory rät, sich in Selbstmitleid zu suhlen, nachdem sich Dean von Rory getrennt hat. Und ja, es ist genau das: ein Suhlen! Manchmal auch nur innerlich. Gelegentlich aber auch mit fettem Schoko-Eisbecher und verheultem Liebesfilm-Marathon. Oder trauriger Musik. Oder einem ausgiebigen Gespräch mit der Freundin. Gönn dir das.

Was kann ich sonst noch tun?
In ihrem Buch „Emotional Agility“ beschreibt die Autorin Susan David, dass es, nach dem in sich hineinfühlen, wichtig ist, die negative Situation aus der Distanz zu betrachten. Es kann sehr befreiend sein, den eigenen Gefühle und Gedanken kurz „Shut up“ zu sagen und dich in die Betrachterrolle zu versetzen. Zu überlegen: was ist passiert und warum? Was hätte ich selbst wirklich ändern können? Worauf hatte ich Einfluss und was lag außerhalb meines Einflussbereiches?
Als weiteren Schritt beschreibt die Autorin, dass man sich die eigenen Werte bewusst machen sollte. Zum Beispiel, indem du überlegst, was dein Warum ist. Manchmal kann man auch seinen Fokus verlegen: auf soziale Kontakte. Alte Freundschaften pflegen. Die Eltern öfter anrufen.

Oder du verlegst deinen Fokus auf etwas ganz anderes, fühl dich frei: Sport (Glückshormone!), neue Hobbys (neue Fähigkeiten!) oder einfach mal Zeit für dich (pure Entspannung!). Das führt auch schon zum nächsten Punkt: aktiv werden. Aus der Opferrolle schlüpfen und handeln.

Schwierige Lebenslagen sind prädestiniert dafür, dir zu zeigen, was dir wirklich wichtig ist. Solche Turning Points können der Anfang von etwas richtig Gutem sein.

Fazit
Miese Gefühle, negative Emotionen, schrecklicher Seelenschmerz. Darüber wurden unzählige Bücher geschrieben und Worte verloren. Am besten du akzeptierst die aktuelle Lebenslage als das was sie ist: beschissen. That’s life. Lass das Leben kurz zu. Danach erinnere Dich daran, wer du bist. Ich gehe einfach mal davon aus, dass du wunderbar und normalerweise sehr positiv bist. Aber auch negative Gefühle machen Dich aus. Also sag‘ ja zum Leben mit all seinen bunten Facetten.

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