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Don’t grow up, it’s a trap – über das Älterwerden

Über unser negatives Bild vom Älterwerden, den Jugendwahn und warum das Alter (mit den richtigen Vorbildern) cool werden kann.

Ne, ich kann unmöglich mit einem Kickboard zur Arbeit fahren, wie sieht das denn aus, in meinem Alter?“ 

Mitleidig schaue ich die Bibliothekarin an, die diesen Satz eben zu ihrer Kollegin gesagt hat. Ich betrachte sie: sie scheint Anfang 40 zu sein, adrett, wie man sich eine Bibliothekarin vorstellt. Beherzt scannt sie meine Bücher ein.
Warum glaubt sie, mit 40 zu alt zu sein, um mit einem Kickboard zur Arbeit zu cruisen? 

Ich kann sie das nicht fragen, es geht mich nichts an. Und ich verlasse eilends die Bibliothek und schwöre mir: so möchte ich nicht werden. In 10-15 Jahren möchte ich mir ohne jegliches Zögern selbst erlauben, mit einem Kickboard irgendwohin zu fahren. Möglicherweise gibt es da schon fliegende Kickboards, wie geil ist das denn bitte? Warum sollte man sich diesen Spaß entgehen lassen?

Ein neues Bild vom Alter zulassen

Ein anderer Tag: ich gehe verträumt zum Wochenmarkt, als mir eine unglaublich schöne Frau entgegen kommt: tolle Haare, tolle Figur, selbstbewusstes Auftreten. Ihr Look ist sagenhaft: sie hat ihren Körper in ein super sexy, kurzes und enges Samtkleid gesteckt und das Outfit mit allem nötigen Bling-Bling in Form von Accessoires aufgemotzt. Sie ist nicht nur eine Erscheinung, weil sie vormittags in einem sexy Samtkleid durch die Fußgängerzone geht, sondern weil sie ca. 75 Jahre alt ist.

Ich starre ihr verdattert hinterher. Und präge mir das Bild ganz genau ein: für mich, für meine Zukunft. Nicht nur weil diese Frau cool und lässig erscheint. Was mich am meisten beeindruckt: die offensichtliche Selbstverständlichkeit, mit der sie sich über alle Altersbilder hinweg setzt. Eine Alters-Rebellin. So will ich auch mal werden, wenn ich (so richtig) groß bin!

Denn das ist meine Vision des Älterwerdens: ich will ich selbst bleiben. Nur hoffentlich noch exzentrischer. Dann bin ich die coole Lady, die im sexy Samtkleid auf dem Kickboard zur Bücherei fährt.

Denn wer hat behauptet, dass das Älterwerden mit Restriktionen behaftet ist? Wer schreibt vor, was man ab welchem Alter tun oder tragen darf?

Das bin jawohl ich selbst. Und mein Paradigma lautet: Neugierig bleiben, Spaß haben, egal in welchem Alter. Und das anderen auch erlauben.

Warum wir ein negatives Bild vom Alter haben

In meiner Design-Masterarbeit ging es eben darum: um negative Altersbilder. Damit ist gemeint, dass viele von uns Angst vor dem Alter haben, weil wir so viel Negatives damit assoziieren. Krankheit, Einschränkungen, auf jeden Fall keine sexy Samtkleider. 

Das drückt sich auch in der Gestaltung für ältere Menschen aus. Die Sanitätshäuser sind voll mit arg hässlichem Zeug in beige. Kein Wunder, dass man das nicht möchte.

Zu den negativen Altersbildern mischt sich der Jugendwahn: erste Fältchen werden mit 25 Jahren gemeinsam mit allen Emotionen aus dem Gesicht gespritzt. Erfolgreiche Leute um die 30 fürchten sich vor der nachrückenden, ach so tollen kreativen und jungen Generation. 

Noch eine kleine Anekdote dazu: Eine Frau kommt an meinen Stand auf einer Messe, auf der ich meine Design-Produkte ausstelle. Sie: „Oh das ist ja wahnsinnig beeindruckend, was Sie machen. Ganz toll!“ und guckt weiter. „Darf ich fragen, wie alt Sie sind?“ Meine Antwort: „Ich bin 29“ – sie, plötzlich deutlich ernüchtert: „ah, ok, ich dachte Sie wären Anfang 20“. —-

Als ob der Stand, die Produkte, meine Person um so viel toller erscheinen würden, wenn ich etwas jünger wäre. 

Ich war immer noch die gleiche Person, die vor ihr stand. Mit dem gleichen Messestand. Nichts hatte sich geändert, außer ihre Einschätzung über mein Alter. Aber das reichte aus, um ihre Euphorie zu dämpfen. 

Warum sind tolle Dinge, die man mit Anfang 20 macht, super wahnsinnig beeindruckend für andere? Und wenn man das gleiche tolle Ding zehn Jahre später macht, plötzlich nicht mehr so dolle?

Sorry das verstehe ich nicht!

Dabei spielt sich das nur in unseren Köpfen ab. Das negative Altersbild, die Fokussierung auf Jugendlichkeit. 

Mein Umgang mit dem Älterwerden

Ich habe letztens auch die ersten Fältchen in meinem Gesicht entdeckt. Und super sensibel darauf reagiert. Nur um kurz darauf festzustellen, dass ich diese Lachfältchen auch schon auf Fotos vor zehn Jahren habe. Nur damals war das Älterwerden noch gar kein Thema für mich. Aber nun ändert sich auch bei mir bald die Zahl vor der null. Und das macht sensibler.

Der Klassiker von “friends” Quelle: Giphy

Meine Strategie, damit umzugehen: ich mache mich selbst fünf Jahre jünger. Es gibt nämlich nicht nur das kalendarische Alter (also die rechnerische Zahl), sondern auch ein psychologisches Alter. Und hey, mit sich selbst achtsam umzugehen kann eben auch bedeuten, bewusst am psychologischen Alter zu schrauben. So kann man die Kraft der Suggestion auch nutzen.

Und wenn ich dann mit einem kalendarischen Alter von 75 Jahren im sexy Samtkleid auf dem Kickboard an euch vorbei rausche, dann nur um dem negativen Altersbild zu zeigen, wo der Hammer hängt. Wer macht mit?

 

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