Es geht um unsere Existenz

Es geht um unsere Existenz

Was ich unter dem Begriff “Existenz” verstehe und was man tun kann, um gar nicht erst unter Existenzängsten zu leiden.

Diese Woche wurde ich in einem Instagram-Live-Interview gefragt, ob ich Existenzängste hätte.

Der Kontext: ich habe mich vor über einem Jahr mit meinem Label stahlpink selbstständig gemacht. Anscheinend ein Schritt, der vielen wie ein riskantes Wagnis erscheint.

Lebe ich also, als frisch gegründete, noch relativ junge Designern (eh schon ein prekärer Beruf für viele) nicht in ständiger Angst vor dem Untergang meiner Existenz? 

Du merkst an der Art, wie ich diese Frage stelle, wie lächerlich ich sie finde.

Natürlich mache ich mich nicht über jene Leute lustig, die viel zu verlieren haben, die Kinder versorgen müssen zum Beispiel. Diese Art der Verantwortung ist eine große!

Aber die Frage nach der Existenz wird offensichtlich unterschiedlich gedeutet und der Begriff ist in meinem Leben schon so inflationär verwendet worden, dass er beinahe jede Bedeutung verloren hat.

Wie es dazu kam

Als Studentin habe ich in einem niedlichen Cafe gekellnert. Das Cafe war wunderbar, es gab herrlichen Kaffee (wer mich kennt, weiß was mir das bedeutet) und war zuckersüß mit Vintagemöbeln und puffigen Sesseln bestückt. Als ich dort angefangen habe, dachte ich, es sei der Studenten-Traum-Job: ein entspanntes Cafe mit toller Atmosphäre mit immer nur zwei bis drei in den Ecken lümmelnden Gästen.

Was ich nicht wusste: die Eigentümer standen unter hohem Druck. Die Anzahl der Gäste war zu gering; die Konkurrenz, in einer Straße mit einigen besser etablierten Cafés, zu groß. 

Und für mich als Mitarbeiterin bedeutete das: bei jedem Fehler ging es gleich “um die Existenz”. Diesen Satz habe ich damals mindestens bei jedem Arbeitseinsatz gehört. Wenn ich vergessen habe, einen Espresso abzurechnen: „Es geht um unsere Existenz!“, wenn ich einen Stammkunden nicht erkannt und entsprechend freundlich begrüßt habe: „Es geht um unsere Existenz!“ und wenn ich den Staubsauger nicht gefunden habe – du verstehst was ich meine.

Wahrscheinlich standen die beiden Café-Betreiber unter einem enormen Druck. Klar hatten sie hohe Mietausgaben und mussten zusätzlich das Geld für Mitarbeiter usw. einbringen. Vielleicht hatten sie einen Kredit aufgenommen, der sie zusätzlich schlecht schlafen ließ. 

Aber damals habe ich mir fest vorgenommen: so werde ich niemals sein. Mir so eine heftige Last aufzubürden, dass jeder kleine Fehler zu unfassbarem Stress führt und jeder Tag gespickt von Ängsten ist.

Aber was ist denn nun eigentlich “die Existenz”?

Laut dem Duden bedeutet die Existenz als allererstes „das Existieren, Vorhandensein, Bestehen“ und „menschliches Dasein, Leben“. Erst an zweiter Stelle kommt die „[berufliche Stellung als] (besonders materielle) Lebensgrundlage“.

So definiere ich die Existenz: so lange ich gesund bin, genug Wärme und Nahrung habe, mich kein Wolf jagt und es meiner Familie und meinen Freunden gut geht – so lange geht es nicht um meine Existenz. 

An Existenzangst habe ich paradoxerweise das erste Mal in einer Festanstellung geschnuppert: nach einem Jahr in einem Job, den ich ironisch als Arbeit in der Knochenbrechermühle bezeichnet habe, habe ich absolut keinen Sinn und keine Zukunft gesehen. Klar hatte ich damals mein monatliches festes Einkommen. War aber nur noch eine tiefunglückliche Version meiner Selbst. So kann es nämlich auch sein, wenn man zwar vermeintlich safe in einer Festanstellung angekommen ist, der Job aber gar nicht zu einem passt, zu stressig ist und das Leben nicht bereichert.
Auch das kann die Existenz ein Stück weit in Frage stellen. Es gibt aktuell genügend Burn-Out-Vorfälle, die dies belegen.

Deswegen bin ich jetzt in der vermeintlich unsicheren Position als selbstständige Designerin (ähem) mit Produkt-Label (auch das noch!) so glücklich in meiner Existenz wie nie zuvor. Ich habe meine Freiheiten, kann die Schwerpunkte nach meinem Gutdünken ausrichten und muss niemandem Rechenschaft ablegen. Mein „menschliches Dasein“ war noch nie so geil. 

Das soll kein Loblied auf die Selbstständigkeit sein. Es ist bloß für mich genau das richtige. Und dadurch habe ich erkannt, was die Leute, die unter Existenzangst leiden, möglicherweise falsch machen:

1. Sich zu viel aufbürden. 

Einen Kredit aufnehmen, um das Büro schick auszustatten und sich schon mal den Firmenwagen leisten, damit das frisch gegründete Unternehmen auch Prestige ausstrahlt? Würde ich niemals machen. Nicht nur, weil ich das als unnötig empfinde, sondern auch weil ich vor hohen Krediten zurück schrecke. Ich versuche mir nur so viel aufzubürden, wie ich tragen kann. Und gehe so mit viel Leichtigkeit durch’s Leben.

2. Sich über das Vorhaben definieren.

Wenn ein mögliches Versagen gleich das totale Scheitern des Lebensentwurfes bedeutet, dann stimmt etwas nicht. Ich liebe mein Label, keine Frage! Aber ich als Person bin viel mehr als nur stahlpink und definiere mich auch noch über viele andere Dinge. 

Sich eine gesunde Distanz zum eigenen Vorhaben zu wahren, ist nicht verkehrt. Du bist mehr als dein Vorhaben!

3. Die Angst die Führung übernehmen lassen.

Wer Angst hat, ständig im Mangeldenken lebt und sich die Zukunft schwarz malt, kann nicht besonders gut kreativ werden, um an neue Lösungen zu kommen. Ängste und negative Glaubenssätze sind keine guten Ratgeber. Statt „das wird ja eh nichts“! lieber „Das wird großartig!“ denken, Vertrauen haben und an die eigenen Fähigkeiten glauben. 

Ich habe eben kurz gegoogelt, ob es das Cafe von damals noch gibt. Leider ist es offensichtlich geschlossen worden und ich hoffe, dass die Eigentümer erkennen, dass ihre Existenz mehr als das Cafe ist. 

Wie stehst du zum Thema Existenzangst?

Mehr auf stahlpink:
– “Um Hilfe bitten – warum es so schwierig ist und was es für ungeahnte Effekte hat”
“Wie ich meine Ängste (fast vollständig) verloren habe”
“Wie du deine Traumprojekte voran bringst”

  1. Wieder mal ein sehr spannender und wahrer Post, liebe Maggie! Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich mehr Angst vor der Zukunft hatte, als ich in den letzten Zügen meines Studiums stand und noch nicht wusste, wozu das alles gut gewesen sein soll und was als nächstes kommt. Seit ich selbständig bin trägt mich der Glaube, dass alles gut wird, durchs Leben. Das Vertrauen in meine Fähigkeiten hilft mir ebenfalls, denn ich weiß, dass ich damit immer irgendwas anfangen kann. Und natürlich das Vertrauen in die wunderbaren Menschen um mich herum, die mich immer unterstützen.

    Dein Beispiel mit dem Café finde ich so gut und bezeichnend. Auch wenn die Ängste total nachvollziehbar sind: Angst ist nie ein guter Motivator. Lieber klein und mit weniger Verbindlichkeiten starten, bis man weiß, dass es funktioniert – oder aber den Glauben an die Sache haben und direkt durchstarten.

    • Danke für deinen Kommentar liebe Laura!
      Du sitzt ja als Designerin sozusagen im selben Boot 😀
      Schön dass Vertrauen dir ebenfalls gegen Ängste hilft – und du machst wirklich tolle Sachen, also wirst du immer einen Weg finden!

      Ein lieber Gruß an dich!
      Maggie

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