Stress

Goodbye Stress – warum wir unbedingt mehr chillen sollten

Ich muss dir ein Geständnis machen. Ich bin überhaupt nicht stressresistent.

  Stress macht mich total gaga. Sowas darf man heutzutage ja eigentlich nicht zugeben. Stressresistenz ist ein skill, der obligatorisch in jede Bewerbung kopiert wird. Ähnlich wie Teamfähigkeit oder selbstständiges Arbeiten. Stressresistenz wird vorausgesetzt, weil der normale Alltag so wahnsinnig stressig ist. Unistress, Arbeitsstress, Beziehungsstress, Freizeitstress. Zum Durchdrehen.

Stress bringt mich dazu, Arzttermine zu vergessen, Mutti wochenlang nicht anzurufen und nur zu futtern, was grad schnell erreichbar ist. Aber abgesehen von dem Drang nach Schokolade und dem negativen Einfluss auf mein Kurzzeitgedächtnis kommt es sogar noch schlimmer: überbordende Aufgabenlisten und Druck bescheren mir Ohrensausen, Bauchweh oder sorgenvoll-schlaflose Nächte. Situationen, in denen ich besonders viel Stress ausgesetzt bin, wie z.B. bei Präsentationen oder kurz vor Abgaben, führen zu urinstinkthaften Fluchtreflexen. Ich will nur noch weg. Mich unter einer Decke verkriechen. In einer Höhle. Auf dem Mond.

Also du merkst, dass ich Stress ziemlich uncool finde und mich auch traue, das zuzugeben. Aber das ist Pionierarbeit, denn Stress ist zum Normalzustand geworden. „Ich bin grad so gestresst“- eine Floskel, die schon fast inflationär verwendet wird. Stress ist gleichzeitig Unwort und scheint doch irgendwie en vogue. Wer Stress hat, hat was zu tun. Ist gefragt. Wichtig. Wer hingegen keinen Stress hat, strengt sich einfach nicht genug an. Und sollte wohl besser ein schlechtes Gewissen haben. Leute, die sich einen entspannten Job suchen, gelten als unambitioniert. So sind wohl Beamtenwitze entstanden. Das Arbeitsleben eines Beamten scheint langsam und langweilig. Dass so ein Arbeitsleben eigentlich ganz angenehm sein könnte, darf man sich aber nicht eingestehen, sonst wirkt die eigene gestresste Existenz so erbärmlich. Deswegen also lieber Witze darüber machen.

Was ist so cool daran, gestresst zu sein? Man wirkt aktiv, ambitioniert, unter Strom, wenn man viel zu tun hat. Kann sich selbst und anderen schön einreden, wichtig zu sein. Kurz einen Kaffee trinken mit der Freundin? Ne keine Zeit, das Dingsbums muss noch fertig gemacht werden. Jeder hat viel zu tun, Arbeit, Uni, Nebenjob, und noch tausend andere Dinge.

Gleichzeitig gibt es eine Welle von Entspannungsmedien, wie beispielsweise das Flow-Magazin und zahlreiche Nachmacherzeitschriften, die plötzlich neben der Vogue im Zeitschriftenregal liegen. Scheinbar gibt es einen Punkt, an dem das Gestresstsein doch umschlägt und die armen überforderten Personen suchen plötzlich aktiv und mit aller Kraft mit voller Motivation nach Entspannung. Die volle Dröhnung Schaumbad mit Lavendelduft und Einschlafen-Podcast hinterher. Um sich dann am nächsten Tag wieder einsatzbereit dem Stressgegenwind aussetzen zu können.

Was ist Stress überhaupt?
Es gibt verschiedene Arten von Stress. Beim positiven Stress hast du viel zu tun, rockst die Aufgaben aber ganz gut und hast Spaß dabei. Der negative Stress hingegen ist der, bei dem du vollkommen die Kontrolle verlierst und den Kopf noch dazu. Der dir schlaflose Nächte bereitet und noch andere uncoole Symptome. Manche bekommen Kreislaufprobleme, andere Ausschlag oder Kopfschmerzen. Meist einhergehend mit ziemlich mieser Laune. Hält dieser Zustand länger an, kann das heftige Auswirkungen haben, z.B. Krankheiten oder frühzeitige Alterung. Das möchten wir nicht.
Deswegen sollten wir unbedingt auf den Körper hören. Er signalisiert uns mit Kopfweh und Schlaflosigkeit nämlich, dass wir mal ein Päuschen brauchen. Nicht erst in drei Monaten, wenn der nächste Urlaub geplant ist oder endlich Semesterferien sind, sondern sofort.
Doch wie kommt es zu diesen negativen Auswirkungen? Die für mich schlüssigste Erklärung ist, dass Stress durch Kontrollverlust verursacht wird. Wir haben keinen Plan mehr, wie wir alle Aufgaben schaffen oder alle Probleme bewältigen können. Sind wir nicht mehr Herrin der Lage, stellt sich Stress ein.

Was kann man dagegen tun?
Keine Angst, ich verschone dich mit Hinweisen wie dem, dass Meditation doch so toll gegen Stress sei. Wenn man wirklich Stress hat, hat man leider kaum Zeit zu meditieren und verbringt die Zeit lieber mit lebenserhaltenden Dingen wie schlafen oder essen.
Aber es gibt ein paar Fragen, die du dir stellen kannst, wenn du wieder in einer akuten Stressphase bist:

Bringt mich der Stress irgendwie weiter?
Bist du motiviert, hast Energie und trotz immenser Anforderungen Bock auf deine Aufgaben? Dann bist du in der glücklichen Lage des positiven Stresses und solltest dich nicht bremsen lassen. Wenn der Stress allerdings dazu führt, dass du unproduktiv wirst, Dinge vergisst, dich kaum noch konzentrieren kannst oder Kopfschmerzen hast, solltest du unbedingt bald die Reißleine ziehen.

Habe ich noch die Kontrolle?
Wenn du wirklich unter Stress stehst, ist die Antwort vermutlich „nein“. Dann müssen schnellstmöglich Maßnahmen eingeleitet werden, um die Kontrolle zurück zu erlangen. Dabei hilft die gute alte to-do-Liste oder Priorisierung von Aufgaben. Also pack’ am besten einfach zu erst das an, was am dringendsten erledigt werden sollte.

Kommt der Stress von innen oder von außen?
Hör’ mal kurz in dich hinein: was geht darin eigentlich vor? Kann es sein, dass ein Teil deines Stresses dadurch erzeugt wird, dass du dir Dinge einredest? Nicht alles, was man den lieben langen Tag denkt, stimmt auch. Vieles sind unbegründete Ängste oder die Sorge, Ansprüchen anderer nicht gerecht zu werden. Ein kurzes Hinterfragen dieser tückischen Denkmuster kann sehr befreiend wirken.

Eine gesunde „I-don’t-give-a-fuck“-Einstellung hat noch niemandem geschadet. Oder die Überlegung, ob dich der aktuelle Stressauslöser in einem Jahr überhaupt noch kümmern wird. Ok, wenn es um deinen Studienabschluss geht, dann schon. Dann guck lieber aus einer 100- Jahre-Zeitdistanz darauf.

Ein hoher Stresspegel ist dann angebracht, wenn dich ein massiv ärgerlicher Berglöwe verfolgt. Aber die nächste Hausarbeit oder das ach- so-wichtige-Projekt dürfen nicht so eine Wirkung haben.

Wie hieß eigentlich noch mal das Gegenteil von Stress?
Ist dir auch schon mal aufgefallen, dass Kinder keinen Stress haben? Damit meine ich normale Kinder, die nach der Schule spielen dürfen und nicht zum Chinesischunterricht geschleift werden. Ich habe es als Kind nie begriffen, wenn jemand von Stress gesprochen hat. Ich dachte immer, er oder sie übertreibt, ist bestimmt nicht so wild. Und bin dann zum Budenbauen in den Wald gegangen.
Kinder holen sich auf natürliche Art und Weise Ausgleich. Durch Spielen, Toben, sich entfalten. Der Stress wird erst durch ein System aus Erziehung und Leistungsdruck erzeugt. Und natürlich der Annahme, dass Stress toll sei. Ist er aber nicht. Entspannung sollte die neue Maxime sein: ausgeglichen happy, locker kreativ, einfach man selbst. Damit meine ich nicht, dass du jetzt alles hinschmeißen und zur Entspannungseinleitung erst Mal einen Joint rauchen solltest. Ich meine damit, dass du dir gezielt Ausgleich verschaffst, durch Freunde, Hobbys oder einem Anruf bei Mutti. Und es sollte gefeiert werden, wenn sich jemand eine Auszeit nimmt. Und natürlich High Five für alle Entspannungsheldinnen, die den Sonntag faul im Bett verbringen.

Fazit
Ich finde, es ist an der Zeit, dass wir unsere Einstellung bezüglich Stress verändern. Stress ist schädlich und macht uns auf Dauer mürbe. Wenn du allerdings schon in der Stressfalle bist, solltest du versuchen durch gezielte Maßnahmen schnellstmöglich herauszukommen. Wenn es ein Berg von Aufgaben ist, hilft wohl nur, den sauren Apfeldrops zu lutschen und alle Aufgaben smart abzuarbeiten. Ist es aber Stress, der von innen kommt, gilt es, diese tückischen Gedanken zu hinterfragen. Viel Erfolg auf dem Weg zur Entspannung!

 

  1. Ein wunderbar geschriebener Beitrag! Dass Stress so eine Art “goldenes Sternchen” für die Leistung ist finde ich selbst auch ziemlich bedenklich. Oft merkt man dann gar nicht mehr dass Entspannung mal wieder wichtig wäre weil man vom Bedürfnis nach Anerkennung geblendet immer mehr und mehr leisten will.
    Aber ich hab auch das Gefühl dass diesem Thema endlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird und viele schon versuchen an dieser “Kultur des Stresses” etwas zu ändern.
    In diesem Sinne mach ich jetzt mal Pause!
    Lg
    Manuela

    • Danke liebe Manuela! Deiner Feststellung, dass dem Thema Stress mittlerweile mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird, kann ich nur zustimmen und finde diese Entwicklung toll! Achtsamkeit, Meditation und Entspannung werden langsam gesellschaftsfähig, juhu!
      Wünsche dir einen schönen entspannten Tag!
      Maggie

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