Was tun bei Instagram-Overkill?

Leidest du auch am Insta-Überdruss? Woher der kommt und was man dagegen machen kann, dazu mehr in der Kolumne.

Kennst du das? Du machst Instagram auf und scrollst dich durch die angenehme Bilderflut. Vergibst hier ein Herz und da ein Herz. Einer lieben Freundin hinterlässt du vielleicht sogar einen Kommentar zu ihren neuen Schuhen (“Geil, wo hast du die her?!”) und lässt dich ansonsten wie gewohnt von den nett arrangierten Bildern inspirieren. Aber kennst du auch das ungute Gefühl, das dich beschleicht, wenn du plötzlich das Angeber-Leben der anderen mit deinem eigenen vergleichst? Denn dazu lädt Instagram förmlich ein. Daraus können Frust, Neid und Selbstzweifel entstehen. Kennst du diese Gefühle im Zusammenhang mit Instagram? Willkommen, du leidest wie so viele unter dem Instagram-Overkill.

Instagram gibt es schon seit 2010 und die Foto-App hat seit 2-3 Jahren so richtig Fahrt aufgenommen. Täglich werden ca. 60 Millionen Beiträge hochgeladen. Das ist Wahnsinn und zeigt deutlich, dass Instagram einen enormen Einfluss hat. Unternehmen erreichen optimal die U30-Zielgruppe und die Plattform hat einen neuen bewundernswerten Beruf hervor gebracht: Influencer.

Instagram war anfangs eine Plattform für Foto-Nerds. Professionelle Fotografen haben eher die Nase gerümpft über die vielen Kreativfilter, mit denen man seine semi-professionellen Fotos aufhübschen konnte. Mittlerweile ist es vieles: Inspirationsplattform, Fototagebuch oder Galerie für Selbstdarsteller #nohate

Der Stream der anderen zeigt die morgendliche Yoga-Session am Strand, den Gang in’s Café für einen Flat-White und einen Flatlay mit den neuesten It-Pieces. Wer morgens sein Frühstück nicht stundenlang nett angerichtet hat oder sein tägliches #ootd postet, verliert. Ich übersetzte mal kurz: #ootd bedeutet “Outfit of the day”. Noch so ein Ding: Hashtags, die man nicht versteht. Zum Glück kann man sich das meiste über die Fotos erschließen oder man googelt es, wie man es halt mit Fremdsprachen macht.

Online häufen sich Artikel darüber, wie man das perfekte Selfie fotografiert oder mehr Follower erhält, denn das ist die Währung, die auf Instagram wirklich zählt: die Anzahl der Follower. Dass diese mittlerweile gekauft werden können und viele das auch tun, ist kein Geheimnis. Authentisch war gestern. Zum Glück gibt es aber auch viele Instagrammer mit gutem content, die diese Bewegung nicht mitmachen und ihre ehrliche Followerschaft zu schätzen wissen.

Fotografie ist ein Medium, das auch einfach gefakt werden kann. Jeder von uns möchte von seiner Schokoladen-Seite fotografiert werden. Hat man von der besagten Schoki allerdings zu viel gehabt, kann man den etwas rundlich gewordenen Körper durch die richtige Pose straffer schummeln. Nicht zu unterschätzen ist der Einsatz von verschönernden Apps oder auch Photoshop. Bilder sind teilweise sehr stark nachbearbeitet, und werden trotzdem als “real” wahr genommen.
Das Ziel des ganzen ist ein möglichst toller Instagram-Account, der der brav double-tappenden Followerschaft in regelmäßigen Abständen (natürlich täglich) ein tolles Leben zeigt: ein perfekter Körper, schöne Posen am Strand, von großen Unternehmen gesponserte Events und das schön hergerichtete Frühstück gehören natürlich dazu. Dass das ganz schön anstrengend sein muss und es auf Dauer nicht gesund ist, sich über Likes zu definieren, ist klar.

Es gibt mittlerweile eine bestimmte Art und Weise, wie Instagram-Fotos aussehen sollten: entweder es ist ein Flatlay, also schön angerichtete Dinge, möglichst mit einem Apple-Produkt, einem Hochglanz-Magazin und frischen Blumen. Variante: schöne schlanke, braungebrannte Beine im wunderbar weißen Bett. Natürlich auch mit Apple-Produkt und dem obligatorischen „Kinfolk“-Magazin. Das alles wird aus der Vogelperspektive aufgenommen, von oben. Genauso wie das Essen. Alternativ gibt es auch noch das Selfie: vor dem Spiegel und bloß nicht zu angestrengt gucken, während man das Duckface so ausrichtet, dass es nicht zu sehr nach Duckface aussieht. In die Bildunterschrift kommt noch irgendwas geistreiches, dazu die passenden Hastags  #happy und #ootd und fertig. Wenn du dich jetzt ertappt fühlst, kein Ding, wir haben das doch alle schon gemacht. Trotzdem ist es schade, dass die App dazu führt, dass alle den selben Foto-Einheitsbrei produzieren #langweilig

Ich persönlich habe eine ziemlich pragmatische Einstellung zu Instagram. Dass ich mein Frühstücksporridge lieber esse, bevor er kalt wird, nehmen mir meine 300 Follower nicht übel. Ich mag Insta als Fotochronik, um einzigartige Momente fest zu halten. Doch meistens bin ich dazu einfach zu faul oder ich genieße lieber den Moment und denke an andere Sachen, aber bestimmt nicht daran, wie ich diesen Augenblick jetzt noch schnell und gut in Szene setzen kann. Mit den tollen, durchgestylten Insta-Accounts kann ich sowieso nicht konkurrieren, deswegen versuche ich es erst gar nicht. Doch Instagram ist für mich eine tolle Inspirationsplattform: ich erhalte Einblicke, was grade Trend ist und finde es super, ein klein wenig voyeuristisch anderen beim Leben zuzusehen. Bloß andersherum bitte nicht: vielleicht bin ich einfach nicht geeignet für Instagram, weil mir die exhibitionisitsche Ader fehlt. Ich war noch nie eine besonders gute Selbstdarstellerin. Allerdings hat mir eine Entdeckung zu denken gegeben: ich habe erst vor kurzem fest gestellt, dass ein Bekannter, den ich eher als unscheinbar und zurückhaltend empfand, fast 50.000 Follower auf Instagram hat. Echt witzig: ich kenne tatsächlich jemanden, der ein waschechter Influencer ist. Geschafft hat er das durch hochqualitativen Fotocontent. Und viele komische Hashtags hat er dafür auch nicht verwendet. Ich glaube, in seinem Feed auch kein einziges Frühstücksbild gesehen zu haben.

Das zeigt natürlich, dass es auch Positivbeispiele gibt. Aber allzu oft überwiegt der Eindruck, dass die anderen ein so wahnsinnig schönes und vorzeigbares Leben haben, während man selbst auf dem vollgekrümelten, unordentlichen Sofa sitzt und weder man selbst, noch das Wohnzimmer in dem man sich befindet, ist besonders vorzeigbar. In diesem Moment das schöne Leben der anderen zu sehen, kann mächtig weh tun. Oder wie geht es dir damit? Bekanntlich zeigen die Bilder nur einen Bruchteil des eigentlichen Lebens der abgebildeten Person. 99% sind nicht sichtbar. Trotzdem braucht es ein gesundes Selbstbewusstsein, um diesen idealisierten Bildern zu begegnen. Ich selbst mache an schlechten Tagen einen großen Bogen um die App. Um den Instagram-Overkill zu vermeiden.

Gegen diesen schrecklichen Zustand hilft es auch, den Bilderstreams mit einer gesunden Distanz zu begegnen. Und meiner Lieblingswaffe: dem Humor. Zum Glück gibt es mittlerweile viele satirische Instagram-Accounts, die sich über den Insta-Einheitsbrei lustig machen, z.B. indem einfach eine Barbie die klassischen Insta-Bilder macht. Göttlich ist auch die lustige Darstellung der traurig-verzweifelten Männer hinter erfolgreichen Insta-Frauen, denn irgendwer schießt ja die ganzen Fotos der Mädels beim Kaffeschlürfen oder hingebungswürdigen vor Wänden stehen.

Ist dir auch schon mal ein Profil begegnet, auf dem die gleiche Person zu sehen ist, in immer der gleichen Pose? Immer und immer wieder, hundertfach, der gleiche Gesichtsausdruck, der gleiche Bildausschnitt, bloß die Klamotten variieren. Und dazu ca. 100.000 Leute, die der Person folgen. Solche Accounts empfinde ich nicht nur als langweilig und oberflächlich, sondern lächerlich.

Fazit
Beim Scrollen durch Instagram ist es also das Beste, detektivisch zu filtern, was real ist und was nicht und eine gesunde Distanz zu den perfekten Bildern zu wahren. Denn wir pfeifen auf fake und widmen uns lieber dem realen Leben.
Möglicherweise sind die besten Zeiten von Instagram schon längst vorbei. Als es noch kleiner war und die Fotos optisch nicht ein einheitlicher Brei waren. Zum Glück gibt es auch gute Beispiele, die erfolgreich sind und mit visuell kreativen Fotoideen trumpfen.

Deswegen schaue ich immer noch gerne bei Instagram vorbei. Aber nur, wenn mir wirklich ganz, ganz langweilig ist 😉

  1. Hallo Maggie, ich bin über Vanilla-Mind auf deinen Beitrag gestoßen. Diese Zeilen sind so wahr und ehrlich, dass ich nicht anders kann als meinen “Senf” da zu lassen 😉

    Es wird bei Instagram immer nur die wunderbare schöne Glitzerwelt gezeigt und verschleiert zu sehr das wahre Leben. IG gehört mittlerweile zu meiner #mussichmirechtnichtantun Einstellung. Dieses gespielte Influenca*hatschiiiii *Gehabe 😉 nervt nur noch und da erfreue ich mich immer wieder an den Medien, die Stück für Stück dieses künstliche Getue aufdecken. Hier ist ein gutes Beispiel, (ich hoffe der Link ist ok ) https://www.welt.de/kmpkt/article172424469/Facebook-Hit-So-peinlich-kann-fast-nur-Influencer-Marketing-sein.html

    Pinterest hingegen ist viel spannender, hier bekomme ich ebenfalls nette Bilder und massig Inspirationen.
    LG Tina

    • Hallo Tina,
      sehr spannend, was du da ansprichst!
      Ich finde Instagram nach wie vor spannend, da man ja doch tolle Einblicke in das Leben und den Alltag anderer bekommt. Klar wird nur ein kleiner Teil der Realität gezeigt, aber der ist meistens sehr inspirierend (finde ich). Natürlich muss man da die richtigen Accounts für sich finden, die tatsächlich Wert bieten. Von oberflächlichen Influencern halte ich auch nicht viel.

      Pinterest ist für mich ein ganz anderer Kanal: er bietet viel Inspiration, ist aber bei weitem nicht so persönlich und man baut keine wirkliche “Beziehung” zu den Accounts auf, da Storytelling nicht möglich ist. Oder wie nutzt du Pinterest?

      Schön, dass du von Vanilla Mind her gefunden hast 🙂
      Lieber Gruß
      Maggie

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