stahlpink Blog Instagram- und Leseentzug

Ich lösche einfach mal alle: mein Instagram- und Leseentzug

Es war nur eine Woche, dafür aber eine radikale: warum ich einen Leseentzug gemacht habe, wieso ich dafür allen Accounts auf Instagram entfolgt bin und was es mir gebracht hat.

Ich habe klar Schiff gemacht und bin allen Accounts auf Instagram entfolgt. Einfach so. Bin hingegangen in den „Abonniert“-Bereich und bin dort einem Account nach dem anderen entfolgt. Ziemlich drastisch. Sogar meine liebe Mama hat’s erwischt.

Spinnst du? Oder was soll das Ganze?

Eigentlich ging es „nur“ um einen Leseentzug. Kurz zum Hintergrund: ich arbeite aktuell ein Programm durch, das sich „Der Weg des Künstlers“ * nennt (dass ich eigentlich Designerin bin und mich als Frau bei diesem Titel eher ausgeschlossen fühle soll jetzt mal nicht Thema sein). Das Programm basiert auf einem Buch* der Autorin Julia Cameron, dauert zwölf Wochen und verspricht, innere Blockaden zu lösen und die eigene Kreativität anzuregen. Dazu liest man jede Woche Essays und arbeitet Aufgaben ab.

Ich hatte in einem Artikel vorab schon gelesen, dass es auch einen Leseentzug geben würde. Und mich insgeheim von Anfang an darauf gefreut.

Und dann war es so weit! Woche vier: eine der zentralen Aufgaben der Woche: der Leseentzug.

Was bringt der Leseentzug?

Wir sind jeden Tag so vielen Einflüssen ausgesetzt, die unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Zumindest ich habe an mir festgestellt, dass ich „Input-süchtig“ war: ich las jeden Tag, hörte viele Podcasts, scrollte mich lange und manchmal achtlos durch Instagram und selbst beim Duschen lief immer ein Podcast im Hintergrund (obwohl ich den beim dem Duschrausch gar nicht hörte). Manchmal ließ ich auch beim Yoga machen noch einen Podcast laufen. Und selbst beim Meditieren hat mich eine App geleitet.

Jep, irgendwas stimmte nicht mehr: vom bloßen „inspirieren“ lassen und „durch Medien etwas dazu lernen“ bin ich in einen Zwang gekommen: die ständige Dauerbeschallung durch Medien. Die Unfähigkeit, auch nur beim Spülen Stille zu ertragen. Und das krampfhafte Vermeiden von Langeweile.

Problem erkannt. Problem gebannt?

Ohne das Buch und den dringenden Aufruf darin, den Leseentzug nicht ausfallen zu lassen, wäre ich das Problem wohl nie in dieser Radikalität angegangen. Aber ich hatte Lust drauf. Und das Buch hat mir bisher so phänomenal weitergeholfen, dass ich darauf vertraut habe: es wird gut. 

Und wie lief das genau ab?

Im Buch wird dazu aufgerufen, nicht mehr zu lesen. Aber eigentlich geht es um viel mehr: um mehr Aufmerksamkeit für den Verstand, der durch neuen Input ständig geschäftig gehalten wird. Als das Buch in den 90ern geschrieben wurde, gab es noch keine sozialen Medien. Keinen Podcast-Hype. Und keine süchtig machenden Handy-Spiele.

Also habe ich für mich entschieden: wenn ich diesen Leseentzug durchziehe, dann richtig!

Meine “Regeln”:
– kein Buch und kein Magazin lesen (Tagebuchschreiben – oder wie bei “Der Weg des Künstlers” genannt: die Morgenseiten – waren hingegen erlaubt)
– keine Podcasts (ich habe alle Podcastabos in meinem Handy gelöscht)
– keine Nachrichtenapp oder -seite öffnen
– kein Radio
– keine Newsletter lesen
– nichts auf Instagram lesen (daher bin ich allen Accounts auf Instagram entfolgt)

Was war noch erlaubt?
– Musik
– Netflix/ YouTube
– WhatsApp, Telegram und Mails (Newsletter ausgeschlossen)
– Kommentare auf meinem Account lesen und beantworten (wenn sich schon jemand die Mühe macht, mir einen Kommentar zu hinterlassen, dann beantworte ich diesen natürlich gern)

Warum diese ungewöhnliche Instagram-Detox-Aktion?

Erst einmal: ich liebe Instagram. Ich mag es, mich dort mit anderen zu unterhalten, Eindrücke anderer Leben zu erhalten und über diese Plattform von anderen zu lernen. Aber auch hier gilt wie bei Allem: zu viel einer Sache ist schädlich.

Und bei mir war es einfach zu viel: im Februar und März lief eine Crowdfunding-Kampagne, um die neue stahlpink-Kollektion zu finanzieren. Ich als Initiatorin dieser Crowdfunding-Kampagne hatte dafür zu sorgen, dass genug Leute auf die Kampagne aufmerksam werden. Das bedeutete: PR machen, Influencer auf Instagram anschreiben, viel Content produzieren. Ganz ehrlich: das war anstrengend (es hat sich aber so, so gelohnt, vielen Dank an alle Unterstützer!).

Und mein sehnlicher Wunsch war es, nach der Kampagne einen kleinen Instagram-„Urlaub“ einzulegen. Aber nicht so wie andere das machen: detoxen, indem sie einfach die App für eine gewisse Zeit von ihrem Handy löschen.

Ne, ich wollte immer noch präsent sein und Updates zu der Crowdfunding-Kampagne und zu den nächsten Schritten liefern (denn das war ich euch, meinen Unterstützern, doch schuldig).

Konmari auf Instagram

Viele kennen die aktuell sehr populäre Aufräum-Methode von Marie Kondo*: man räumt alles aus einem Regal, wischt es kurz aus und räumt nur noch die Gegenstände ein, die einem Freude bereiten. Genau das hatte ich auch mit meinem Instagram-Account im Rahmen des Leseentzugs vor: allen Accounts entfolgen und dann (nach einer Woche Entzug), nur noch den Accounts folgen, die mir fehlen, die mir wichtig erscheinen. Denn seien wir mal ehrlich: jeder hat schon mal die negativen Effekte, die Instagram auslösen kann, gespürt.

Wenn ich einen schlechten Tag hatte und die App geöffnet habe: sah ich bisher 500 Anderen beim Leben zu. Eine Masse an Menschen und Accounts und Marken, die ich im echten Leben niemals in mein Wohnzimmer einladen würde: ich würde in Panik ausbrechen. Und doch habe ich sie jeden Tag durch mein Handy in mein Leben gelassen. Dadurch wurden schöne Tage nicht unbedingt schöner. Aber schlechte Tage oft etwas schlechter.

Also raus damit!

Und, wie war die Woche des Leseentzugs nun?

Als allererstes: die Umstände waren schwierig. Ich war die Woche über krank und mein Freund, der Pup war zwei Nächte lang auf Dienstreise. Keine gute Ausgangslage, und somit musste ich an einem besonders schweren Abend mal zum Einschlafen den „Einschlafen“-Podcast anmachen. Ansonsten habe ich keine meiner selbst auferlegten Regeln gebrochen.

Ich bin sogar noch weiter gegangen: als ich eines Abends einen Film anschaute (netflixen war erlaubt und Kranken das Binge-Watchen zu untersagen wäre Folter), bemerkte ich Folgendes an mir: anstatt den Film wirklich zu gucken, spielte ich nebenbei Sudoku. Dazu muss man wissen: ich bin so richtig, richtig gut im Sudoku-Spielen (ja, das ist dieses kryptische Zahlen-Rätsel). Und habe eine entsprechende App bereits seit sechs Jahren auf dem Handy. Und es ist zur Routine geworden: wenn mir langweilig ist oder ein Film zu spannend/ zu eintönig/ zu emotional wird, lenke ich mich durch Sudoku ab. Bisher war mir das gar nicht klar. Durch den Leseentzug und die geschärfte Achtsamkeit für alles, was mich ablenkt, aber schon. Also: die App musste weichen. Stattdessen liegt nun ein Skizzenbuch im Wohnzimmer, in dem ich skribbeln kann, wenn mir ein Film zu spannend/ zu eintönig/ zu emotional wird. 

Die Entdeckung der Zeit

Nachdem ich mich in den ersten Tagen an die neue Situation gewöhnen musste, mich selbst beobachtet und über meine sinnlosen Reflexe gestaunt habe (sobald ich in der Küche war: wollte ich relfexartig das Küchenradio starten. Sobald ich nachts kurz wach wurde, wollte ich mir eine App zum Einschlafen anmachen), wurde die Woche großartig. Denn: ich hatte plötzlich Zeit. 

Viel mehr Zeit als vorher. Wer mal einen Blick in seine Bildschirmzeitanalyse wirft, weiß wie viel Zeit Social Media fressen kann.

Und außerdem: hatte ich viel mehr Energie und Ideen. Das alles habe ich genutzt, um kreativ zu werden (die Ideen sprudelten nur so) und ich setzte einige Dinge um, die mein Leben etwas verbessern: so habe ich alte Technik aussortiert und neue angeschafft. Mein Arbeitszimmer umgestaltet. Ungefähr 400 Mails gelöscht und mich von 30 Newslettern abgemeldet. Kisten voll sentimentalem Zeug aussortiert. Zwischendurch war sogar noch Zeit für Kaffee und Kuchen.

Im Buch wird vor solchen Anfällen der Aktivität „gewarnt“ – und ich bin nun heilfroh, dass ich das alles durchgezogen habe. Denn: durch die ständige Ablenkung durch Medien rücken eben auch wichtige Entscheidungen und Pläne weiter nach hinten.

Und ein riesiges Learning aus der Woche: ich kann wieder ganz gut Stille und das Nichtstun aushalten. Bin sensibler für das Ablenkungs-Rauschen, das mich sonst umgeben hat. 

Schon ganz gut, oder? Aber dazu kam noch ein unerwarteter Effekt: die Zeit ist viel langsamer vergangen. Die Woche war intensiver und ist mir nicht so entglitten wie sonst oft (kennst du dieses „Huch es ist schon Donnerstag!“-Gefühl? Das hatte ich nicht mehr).

Alles in allem war es eine tolle, bereichernde Woche. Für die „Allen-Accounts-Entfolgen-Aktion“ wurde ich zwar hart vom Instagram-Algorithmus abgestraft und ca. 20 Follower sind weg. Dafür bin ich viel achtsamer im Umgang mit der App und folge mittlerweile wieder einigen relevanten Accounts auf Instagram. Außerdem habe die ersten Podcasts gehört und mich langsam wieder an die stetige Nachrichtenflut gewöhnt.

Und bin ich nun wieder voll im Medien-Rauschen gefangen? Nein, der angenehme Effekt des Leseentzugs hält noch etwas an. Hab ich in der Woche des Leseentzugs irgendwas verpasst? Ne, eher im Gegenteil! 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.