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Mut zur Faulenzerei

Hättest du auch mal wieder Lust auf’s Nichtstun? Was die Faulenzerei für einen unerwarteten Effekt hat und warum du dich öfter trauen solltest, “faul” zu sein.


Ein Sonntagmorgen. Du hast ausgeschlafen, öffnest langsam und entspannt die Augen und drehst dich im Bett noch mal um. Kein Weckerklingeln. Warme Luft kommt durch das geöffnete Fenster (weißt du noch, Sommer?). Du lässt deinen warmen und trägen Körper noch etwas länger im Bett liegen und lässt deinen Gedanken einfach mal freien Lauf, bevor es an ein ausgedehntes Frühstück geht. Und das Nachher, das ist noch so weit weg, ohne Pläne, ohne Termine oder Verpflichtungen. Erinnerst du dich an solche Tage? Die absolut erholsame Zeit ungezügelter Faulenzerei.

Faulheit wird in der Gesellschaft mit etwas Negativem assoziiert. Arbeitsverweigerung, Versagen, Trägheit. Faulheit ist eine der sieben Todsünden. Ein bemitleidenswerter Zustand der Handlungsverweigerung.

Schon das Wort „faul“, wie „Fäulnis“ klingt nach Verwesung und nicht gerade appetitlich. Lieber wird der Begriff „Entschleunigung“ verwendet. Aber das klingt mir zu technisch. Dann gibt es ja noch das schöne Wort „Muße“, das aber heute kaum noch verwendet wird. Ich möchte die Faulheit, oder noch besser, weil es so schön klingt: Faulenzerei, lieber verwenden. Bei der Faulenzerei hat jeder gleich Bilder im Kopf, von Betätigungen, die keiner Rechtfertigung bedürfen, weil sie so sinnlos und ohne Ziel sind. Herrlich und eine Wohltat neben der erschöpfenden Arbeitswelt.

Faulenzerei ist für mich die Einteilung meiner eigenen Zeit wie ich es mag. Sie ist purer Genuss und entweder nur Erholung oder ich nutze diese Zeit für Dinge, die mich interessieren, zu denen ich aber sonst nicht komme. Es ist die freie Entfaltung meiner Persönlichkeit und die ungezwungene Entwicklung meiner Fähigkeiten. Also ein hoch auf die Faulenzerei! Aber die Faulenzerei bedeutet noch viel mehr.

Dehnung der Zeit
Hast du auch manchmal das Gefühl, dass die Zeit wahnsinnig schnell vergeht? Das hat unter anderem den Grund, dass viele ständig beschäftigt sind und jeden freien Zeitintervall mit einer Tätigkeit ausfüllen. Ein ganzer Tag ohne Pläne – erinnerst du dich, wie sich das anfühlt? Ich finde, solche Tage wirken unendlich lang! Einen ähnlichen Effekt hat die Meditation: man macht einige Minuten lang nichts, außer in sich gekehrt zu sein – und die Zeit bleibt fast stehen.

„Nicht die Zeit rennt, sondern wir rennen.“ Unbekannt

Ich finde es ist ein tolles Gefühl zu wissen, dass wir selbst die Fähigkeit haben, die Zeit zu dehnen, wenn uns alles zu viel wird. Indem wir einfach mal nichts tun. Klingt krass, weil ich wette, dass dir sofort deine ellenlange to-do-Liste in den Sinn kommt und dich vielleicht ein komisches mulmiges Gefühl befällt – dein schlechtes Gewissen.

Arbeit und Faulenzerei
Ich bin wohl ein typisches Beispiel für das, was in vielen vorgeht: ich habe ein wahnsinnig schlechtes Gewissen, wenn ich es mir mal gönne, so richtig faul zu sein. Ich habe den Drang, beim Gespräch mit Freunden noch auf’s Handy zu schielen, um keine Mail zu verpassen. Und nach einem freien Tag lege ich es mir auf, beim nächsten Arbeitstag noch effizienter und schneller zu sein, immerhin bin ich ja erholt. Es ist zum Statussymbol geworden, busy zu sein. Und aus dieser Reihe zu tanzen scheint ein Wagnis.
Der Drang nach Arbeit macht es schwierig, sich mal eine richtige Auszeit zu gönnen. Höchstens im Urlaub oder wenn es uns krankheitsmäßig mal so richtig erwischt.

Erkennst du dich darin wieder, dass dir das Faulenzen ein schlechtes Gewissen bereitet? Aber das ist falsch, und zeigt, dass wir uns der Leistungsgesellschaft nur schwer verweigern können. Dabei hat diese Tendenz, immer mehr zu arbeiten, nichts mit dir oder mir zu tun. Was mit der Industrialisierung begann, müssen wir nicht fortführen. Wir können uns dieser Tendenz, Arbeit in den Mittelpunkt unseres Lebens zu stellen, ein Stück weit verweigern.

Denn die Verfügbarkeit der Zeit ist der wahre Reichtum.

„Reichtum ist verfügbare Zeit, und sonst nichts.“ unbekannt, vermutlich Sir Charles Wentworth Dilke

Und die freie Zeit, die wir haben, ist sehr rar. Die Wochenenden sind gefüllt mit Einkauf und Wohnungsputz und zack!, ist schon wieder Montag. Die wenig verbleibende Zeit reicht kaum aus, um einen Erholungseffekt zu erreichen. Und auch das ist ein erschreckender Gedanke: dass die freie Zeit nur der Selbstoptimierung dient, um danach wieder einigermaßen erholt an die Arbeit zu gehen. Faulenzerei ist da nicht drin.

In ihrem philosophischen Vortrag  beschreibt Nassima Sahraoui, dass die Faulheit eine Lebenspraxis sei, die sogar das Potential hat “marktwirtschaftliche Dynamiken” zu verändern.
Damit ist zum Beispiel eine Reduktion der Wochenarbeitszeit gemeint. Ein sechs-Stunden-Tag bedeutet erst gesellschaftlichen Wohlstand. Es gibt schon Versuche, die 30-Stunden-Woche einzuführen. Aber so lange wir uns im allseits bekannten Hamsterrad abrackern, ist dieser alternative Wohlstand der Gesellschaft noch lange nicht erreicht.

Aber zurück zur Faulenzerei: Dass du deine Freizeit genießt, bedeutet nicht, dass du eine falsche Einstellung zur Arbeit hast. Es bedeutet, dass du Energie tankst, dein Leben lebst und Platz für neue Ideen schaffst. Wie traurig wäre es, den ganzen Tag nur zu arbeiten? In einem bewegenden Report wurden Menschen im hohen Alter befragt, was sie am meisten bereuen. Eine der Top-Antworten war, dass sie sich wünschen, mehr gelebt und weniger gearbeitet zu haben.

Das Leben ist jetzt und nicht, wenn du dieses Projekt abgeschlossen oder jenen Karriereschritt erreicht hast. Also nimm’ dir Zeit für die Faulenzerei und damit Zeit für dich. Auch wenn es mutig ist und angesichts deiner Verpflichtungen und dem schlechten Image der Faulenzerei wie eine große Überwindung erscheint.

Fazit
Dass die Faulenzerei in unserer auf Leistung orientierten Gesellschaft keinen guten Ruf genießt, sollte uns nicht daran hindern, ihre Vorzüge auszukosten: Genuss, Entwicklung, Erholung und die Dehnung der Zeit. Davon kann man nicht genug haben.

Und, hast du jetzt auch Lust auf einen richtig faulen Tag? Viel Spaß dabei! Aber bevor du dich verziehst, schreib’ mir doch gerne einen Kommentar, welche Erfahrungen du mit der Faulheit gemacht hast.

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