Warum motzen scheiße ist

Wohl jeder macht es ab und zu: motzen. Wann es zu viel wird und wie man der Motz-Spirale entkommt.

Stundenlange Zugverspätungen wegen verspäteter Bereitstellung- die passende Reaktion darauf: ein böses „f*ck“ oder die ärgerliche Tirade darüber, welche dämlichen Vorwände sich die Bahn bisher so ausgedacht hat, wenn es um Zugverspätungen ging. Wir alle kennen solche ärgerlichen Situationen, wenn irgendetwas passiert, das uns so richtig zum Schwadronieren bringt. Hach wie gut tut es dann, dem Ärger ordentlich Luft zu machen, am besten im Beisein einer Person, die einen dabei super unterstützt, entweder zuhörend oder selbst motzend.

Motzen ist manchmal super. Entlastend, befreiend. Manchmal führt ein kurzer Satz auch gleich zu einer Aktion des Gegenübers. Ein kurzes „Die Socken liegen immer noch auf dem Boden!“ und das Problem ist geklärt. Mein Freund nennt solche Äußerungen „Dringende Tipps“ – ich bin eher für „konstruktive Hinweise mit hohem Aufforderungscharakter“.

Wie auch immer man das nennen mag, kurz und knackig ist super. Lange und ausschweifend wird anstrengend. Wenn wir mal wieder über die Probleme auf der Arbeit erzählen und der Blick der Freundin wird plötzlich ganz leer. Ach ja, genau dieses Problem war auch schon beim letzten Gespräch Thema. Und beim Treffen davor auch. Man kann sich vorstellen, dass selbst die blumigst geschilderte Erzählung des super nervigen, arroganten Chauvi-Kollegen und was er sich zuletzt geleistet hat, irgendwann langweilig wird. Und dass sich die Freundin wünscht, dass wir mal `ne andere Platte auflegen.

Andersherum ist es genauso ätzend: wenn eine Freundin Negativität um sich wirft wie Konfetti und nichts gegen die Ursachen ihrer 99 Probleme tut. Alles ist ihr zu viel! Die Chefin, die Unmögliches von ihr abverlangte, obwohl sie ihr natürlich deutlich überlegen war. Der Freund, der mal wieder unfassbarerweise irgendwas versäumt hatte und bla bla bla. Jetzt fange ich schon selbst an, über sie zu motzen. Jedenfalls kennt wohl jeder solche Leute. Aber sie hat dabei ein unvergessliches Bild abgegeben: mit weit aufgerissenen, irren Augen ließ sie sich über die Unzulänglichkeiten ihres Lebens bei mir aus. Meine guten Ratschläge hingegen prallten allerdings von ihr ab. Sie kommt dann in den ach so beliebten „Ja, aber…“-Modus, bei dem alle Tipps mit fadenscheinigen Begründungen weg gelabert werden.

Durch diese Bekanntschaft wurde mir klar: Motzen ist scheiße.

Damit meine ich vor allem dieses langgezogene, genüssliche Motzen, in das einige gerne verfallen. Motzen darf ein kleiner Ausbruch der Empörung sein. Wie der Gang auf’s Klo: es muss halt manchmal einfach raus. Auf dem Klo zu sitzen sollte allerdings kein Dauerzustand werden. Motzen auch nicht. Es lässt uns schwach aussehen und hilflos erscheinen- das sind wir aber nicht. Wir sind stark und suchen nach Auswegen aus der Negativität. Nutzen den Ärger, um eine Lösung daraus zu generieren. Und das ist echt nicht schwer.

Beobachte Dich mal selbst: Wann motzt du? Ist es meistens nach einem frustrierenden Tag, wo du allen Ärger angesammelt hast, nur um ihn abends bei deinen Freunden abzulassen? Und möchten die das gerne ständig hören? Jedem normalen Menschen wird das irgendwann zu viel werden. Eine Freundin um einen Ratschlag zu bitten ist natürlich etwas anderes, als einfach nur endlos über deinen miesen Tag zu schwadronieren und sie als austauschbare Zuhörerin auszunutzen. Mit so einer Stimmungskanone den Abend zu verbringen, ist für die Freundin bestimmt keine glanzvolle Aussicht. Vielleicht muss es ja gar nicht so weit kommen: am besten geht man der Ursache gleich auf den Grund, das spart viel Ärger. Also frage dich: Kannst du was an dem Problem ändern? Die verspätete Bahn wirst du nicht pünktlicher machen können (höchstens indem du dich oft und viel direkt bei ihr beschwerst, aber das kostet doch arg viel Energie).
Den nervigen Kollegen kannst du allerdings auf seine unpassenden Kommentare ansprechen. Am besten auf konstruktive Art und Weise. Das bedeutet, dass Du lösungsorientiert auf deinen Kollegen zu gehen musst. Klingt nach einer schlimmen Vorstellung? Ich hab’s schon probiert! War eine ziemliche Überwindung, aber danach war erst mal Ruhe. Und ich hatte das gute Gefühl, mich nicht in das Ärgern über den Kollegen zu verlieren, sondern aktiv etwas getan zu haben. Yay für mich!

Frage Dich: was bringt das Motzen dir? Ich habe danach meist ein eher beschämtes Gefühl, ähnlich wie beim Lästern. Richtig toll und entspannt fühlt man sich danach selten, ja man kann sich sogar so richtig in Rage motzen und darauf folgen Motz-Tiraden, die wirklich keiner hören mag. Schlimm dieses Gefühl, komplett die Kontrolle zu verlieren. Zuletzt ist mir das im Beisein meiner Mutter passiert: ich habe mich aufgeschwungen zu lustvollen Ausführungen meiner ach so schlimmen Situation. Und meine arme Mutti hat sich das natürlich angehört. Weil sie mich lieb hat. Danach hab ich mich ein bisschen schlecht gefühlt: weil ich bei meinen Schilderungen natürlich heillos übertrieben habe, um mehr Trost und Aufmerksamkeit von ihr zu bekommen. Nächstes Mal muss ich mich unbedingt stoppen, meine arme Mama kann ja auch nichts für mein (zugegebenermaßen eigentlich gar nicht so schlimmes) Elend.

Fazit
Wir alle motzen gerne mal und das soll auch unbedingt so bleiben. Das ungesunde, unglückliche Schwadronieren über angeblich unlösbare Probleme sollten wir aber lieber anderen überlassen. Wenn wir weniger motzen, sind wir mehr Herrin der Lage und haben alles unter Kontrolle. Ein geileres Gefühl gibt es wohl kaum.

Meine Bekannte hat übrigens irgendwann die Initiative ergriffen und ihren Job gekündigt. Ob sie immer noch motzt, weiß ich nicht.

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