#weggelesen Cheryl Strayed wild stahlpink

#weggelesen: “Wild – der große Trip”

Fesselnd, nah und authentisch – so würde ich das Buch “Wild” beschreiben. Nicht umsonst habe ich es innerhalb von vier Tagen verschlungen und bin nun etwas traurig, dass mein Trip mit einer der ungewöhnlichsten Frauen, über die ich je gelesen habe, vorüber ist. Was das Besondere an dem Buch ist und warum es mich auf verschiedenen Ebenen begeistert hat, dazu mehr in der neuen #weggelesen-Rezension.

Wild – ist das nicht dieser Wanderfilm mit Reese Witherspoon? Ja genau, das Buch wurde 2014 sehr erfolgreich verfilmt. Um ehrlich zu sein, kann ich mich aber kaum noch an den Film erinnern. Ich gehöre sowieso zu der Fraktion, die meistens die Vorlagen lieber mag als die Verfilmungen. Und bei diesem Buch zeigt sich die Stärke von Literatur gegenüber Filmen: man kann stärker in die Erlebnis- und Gefühlswelt der Autorin und gleichzeitigen Heldin des Buches eintauchen, anstatt “nur” Betrachter von außen zu sein.

Und dabei gibt es viel zu entdecken: Cheryl Strayed machte sich 1995 auf,  um 1600km auf dem Pacific Crest Trail zu wandern. Um zwei amerikanische Staaten zu durchqueren und zu sich selbst zu finden. Und daraus ist nicht nur ein Selbstfindungs-Trip geworden, sondern auch ein Buch: „Wild“, in der deutschen Übersetzung leider etwas misslungen „Der große Trip“.

Das Buch hat mich auf verschiedenen Ebenen beeindruckt. Es beschreibt den Wandel von einer verlorenen Frau, die sich in Affären und Drogenmissbrauch flüchtet, zu einer Frau, die weiß wer sie ist. 

Sie beschreibt den Weg, den sie geht um dahin zu finden. Und in der Reflexion über ihr Leben, ihre Vergangenheit und sich selbst, eröffnen sich dem Leser verschiedene spannende Themen, auch für die Selbstreflexion:

1. Stille und Achtsamkeit

Das Buch ist für mich eine Lektion in Sachen Stille und zu sich kommen. Die Autorin und Heldin des Buches entscheidet sich bewusst dafür, den Weg alleine zu gehen. Immer wieder trifft sie auf andere Wanderer, die sich als Gefährten eignen würden, aber die lässt sie ziehen. Sie möchte in der Stille und im Wandern, das zur Meditation wird, mit traumatischen Erlebnissen (Scheidung, Trauer über den Tod der Mutter) abschließen. Also geht sie den Weg in kompletter Stille und Einsamkeit. Und davor habe ich großen Respekt.

Ich weiß nicht, wie es dir geht – aber ich habe das Gefühl, ständig umgeben zu sein von Ablenkungen. Podcasts, Musik, Social Media. Input, der auf mich einprasselt und ich lasse diesen Schwall an Informationen zugegebenermaßen gerne zu. Meine Mama und mein Freund sagen, ich sei handysüchtig. Aber eigentlich bin ich ablenkungssüchtig. Wovon ich mich mit dem ständigen Gedudel und der Medienkonsumiererei ablenken will? Keine Ahnung. Denn eigentlich geht’s mir, geht’s uns allen doch super! 

Und doch ist die Stille, die Auseinandersetzung mit sich selbst, auch wenn es uns scheinbar gut geht, eine Rarität geworden.
Dabei ist Stille so heilsam. Und wohltuend. Und erschreckend. Aber doch oft erkenntnisreich. Nicht umsonst pilgern so viele über den Jakobsweg. Oder nehmen sich eine Auszeit auf Bali. Gehen auf Wallfahrt oder in’s Schweigekloster. Um der ständigen Ablenkung ihres normales Umfeldes zu entkommen und sich selbst zu finden. 

2. Umgang mit Zielen

Mir beweist das Buch, wie wichtig es ist, ein Ziel vor Augen zu haben. Cheryl hatte sich zum Ziel gesetzt, die Brücke der Götter zu erreichen. Diese ist beim Start in 1600 km Entfernung – eine eigentlich unermeßliche Wander-Distanz.
Dieser Weg ist – wie sollte es anders sein – mit einigen Strapazen verbunden. Genüsslich erzählt sie an verschiedenen Stellen, wie sich beim Sockenausziehen Haut mit ablöste oder wie sie mehrere Zehennägel verlor. 

Dass sie aus Angst vor der Wildnis oder schrecklicher Kälte kaum schlafen konnte. Dass sie frierend oder schwitzend, immer schwer beladen und mit entsetzlichen Schmerzen einfach immer weiter marschierte. Alle Strapazen auf sich nahm, nur um ihr Ziel zu erreichen. 

3. Umgang mit Trauer

Cheryl hat durch eine Krankheit ihre Mutter verloren und ist danach durch eine schwere Zeit gegangen, weil sie den Tod ihrer Mutter nicht verarbeitet hat. Wer schon ein Mal einen geliebten Menschen verloren hat, wird diese Verzweiflung und die Schwierigkeiten, die so ein Verlust mit sich bringt, gut nachvollziehen können.
Während der Wanderung erkennt sie ihre Mutter in vielen Dingen und spürt immer wieder ihre Präsenz – bis sie sich von ihr verabschiedet.

4. Mut

Ohne jeglichen Plan, wo ihr Leben nach der Wanderung hinführen soll, machte sie sich auf den Weg. Wahrscheinlich, weil sie sowieso nichts mehr zu verlieren hatte. Und sich so ohne festen Wohnsitz und ohne Job zwei Monate von der Zivilisation zu verabschieden – das finde ich wahnsinnig mutig! 

Während der Wanderung ging sie viele Risiken ein: sie hatte keinerlei Einnahmen und teilweise nur einige Münzen Bargeld dabei. Von dem finanziellen Risiko mal abgesehen: sich alleine als Frau auf eine so lange Wanderung zu begeben, ist ein riesen Hammer. Klapperschlangen und Bären wären da meine geringste Sorge. 

Also bewundere ich sie sehr dafür, dass sie trotz Ängste, diesen Mut hatte, so ein Abenteuer durchzustehen.

5. Das eigene Leben in die Hand nehmen

Es sind die eigenen Entscheidungen, die einen Lebensweg zeichnen. Und die Frage ist, ob man sich für den leichten Weg entscheidet oder für den, der Erfüllung bringt: „Sosehr ich meine Mutter auch liebte und bewunderte, so wollte ich doch nie so werden wie sie, nicht einmal als Kind… ‘Ich habe nie selbst am Steuer meines Lebens gesessen’, hatte sie mir einmal weinend geklagt, nachdem sie erfahren hatte, dass sie sterben würde. ‘Ich habe immer nur getan, was andere von mir wollten. Ich war immer jemandes Tochter, Mutter oder Frau. Ich bin nie einfach nur ich gewesen.’“  (Zitat aus dem Buch “Wild – der große Trip” von Cheryl Strayed, übersetzt von Reiner Pfleiderer)

Solche Klagen sind schlimm – aber es gibt viele Menschen, die es im Alter oder im Angesicht von bedrohlichen Krankheiten bereuen, kein erfüllteres Leben geführt zu haben.

6. Heilung durch Natur

Natürlich werden bei der Wanderung auch viele der Wege und Landschaften beschrieben, durch die Cheryl wandert. Das mag für einige langweilig sein, aber ich kann gut nachvollziehen, was in ihr vorgeht, wenn sie in einen super tiefen, unfassbar blauen See guckt und sie dieser Anblick tief berührt. Mein Eindruck unserer Generation (ohne alle über einen Kamm scheren zu wollen), ist, dass viele extrem losgelöst von der Natur leben. Die „coolen“ sind Drinnies: also Leute, die Angst davor haben, in den Wald zu gehen, wenig mit Wandern anfangen können und auf keinen Fall Funktionskleidung besitzen. Im Wald gibt es kein WLAN. Warum also dahin? Dabei ist die heilende Wirkung von Natur nachgewiesen. 

7. Die Rolle als Frau

Neben vielen Erkenntnissen eines der spannendsten: die Autorin hat ihre Weiblichkeit und ihre Anziehungskraft lange Zeit missbräuchlich verwendet. Sie ist einige oberflächliche Affären mit Männern eingegangen und hat ihr gutes Aussehen für ihren eigenen Vorteil eingesetzt. Während der Wanderung verliert sie ein Stück weit diesen Glanz, als sie schmutzig, verschwitzt und stinkend, mit verfilzten Haaren und mit unrasierten Beinen durch die Wildnis wandert. Und gegen Ende des Buches ist Ok für sie, kein Lustobjekt mehr zu sein und für Vertreter des anderen Geschlecht nicht mehr als freundschaftliche Gefühle zu empfinden.

Ich bin in einer Welt groß geworden, in der es für Mädchen als wichtig galt, immer “hübsch” zu sein. Deswegen ist die im Buch beschriebene Wandlung Sheryls Rolle als Frau besonders spannend.

Also, was bringt mir das Buch?

Es ist ein toll geschriebenes Buch, das man beinahe in einem Durchgang lesen könnte – die Autorin schafft es, das lange und zähe Wandern sehr spannend zu schildern und gleichzeitig mit Erinnerungen aus ihrem Leben zu verbinden. Und es ist eine super Inspiration, um zu erkennen, was man leisten kann, wenn man es nur will.

Ist es mega oder nicht?

Ein intimer Einblick in das Leben und den Wandel einer zerstörten, aber sehr mutigen Frau. Ja, es ist mega!

Fazit

Ich frage mich, warum ich “Wild” nicht schon viel früher gelesen habe, immerhin ist es schon seit Jahren auf dem Markt. Aber jedes Buch hat seinen Moment (und damals gab es den stahlpink-Blog auch noch nicht ;). Und nichtsdestotrotz: das Buch hat mich sehr inspiriert und ich bewundere die Autorin, auch wenn es unbestritten doch ziemlich riskant war, was sie da in der Wildnis vollbracht hat. Aber das Buch zeigt, wie lohnenswert es sein kann, einfach nur mutig zu sein und alle Ängste zu überwinden.

Kennst du “Wild” bereits? Welches Buch fandest du in letzter Zeit gleichzeitig fesselnd und bereichernd?

Hinweis: Dies ist ein redaktioneller Beitrag, er enthält Werbung (da Markennennung oder Verlinkung), aber unbezahlt und unbeauftragt.

 

 

 

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